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Bohuslav Martinů Gala

Das Festkonzert anlässlich des 50. Todestages von Bohuslav Martinů (Polička, 8. 12. 1890 – Liestal, Schweiz, 28. 8. 1959)  vermittelt einen Querschnitt durch das in 43 Jahren (1915 – 1958) entstandene Schaffen des Komponisten. Zugleich wird an die Verbindung der heutigen Staatsoper Prag mit der Geschichte ihres Gebäudes erinnert.

Besetzung

Programm

Der Felsen
symphonisches Präludium für großes Orchester
Commedia dell'arte
Orchestersuite aus dem 1. Akt der Oper Theater hinter dem Tor
Saltarello
aus der Oper Mirandolina
Sinfonia Nr. 1
Ouvertüre zur Oper Ariadne
Aria der Ariadna
Pause
Nokturno Nr. 1 fis-Moll
Uraufführung
Tschechische Rhapsodie
Kantate für Bariton, gemischten Chor, Orchester und Orgel

Die Periode des Neuen deutschen Theaters (1888 – 1938) wird durch das symphonische Präludium Skála (Der Felsen) repräsentiert, das das Cleveland Orchestra auf Anregung seines Chefdirigenten Georg Széll, in den Jahren 1929 – 1937 Opernchefs des Neuen deutschen Theaters, anlässlich des 40. Jubiläums seines Bestehens bei Martinů bestellt hatte.  Es hat den Komponisten überrascht, dass dieses Werk dem Auftrag gemäß 12 Minuten dauern sollte: „Wie es scheint, gibt es in der Musik außer Ouvertüre oder symphonischer Dichtung keine andere Form, die 12 Minuten ausfüllen könnte. Immerhin, eine Ouvertüre oder eine symphonische Dichtung sind keine Formen und auch passen sie mir nicht. Letztendlich wird es doch eine symphonische Dichtung werden müssen, nur mit einem sehr vagen Programm...“, schrieb er im März 1957 an Miloš Šafránek. Er hat aber dennoch ein Programm für sein Werk gefunden, und zwar in der Amerikanischen Musikakademie in Rom (American Academy Rome), an der er 1957 – 1958 als composer in residence wirkte. Dort stieß Martinů auf Nathaniel Mortons Buch New England’s Memorial, und in ihm auf eine Schilderung des ersten Gouverneurs dieses Landes, William Bradford (1588 – 1657), über die Landung der ersten englischen Kolonisten im Jahre 1619 beim Plymouth Rock. Der Komponist, der die Jahre 1941–1953 vorwiegend in den USA verbracht hatte, sah in der Auswanderung der englischen „Pilgerväter“ nach Amerika, „in der Hoffnung nach einem besseren Leben für sie und für alle anderen“, eine Analogie zu seinem eigenen Schicksal. Das einsätzige, größtenteils meditative Werk Skála mit dem Untertitel „symphonisches Präludium“, wurde vom Cleveland Orchestra unter Georg Széll am 17. 4. 1958 uraufgeführt. Die Prager Erstaufführung fand beim Festival Prager Frühling am 22. 5. 1961 durch die Prager Symphoniker unter Bohumír Liška statt.

Seit seiner Kindheit war das Theater die große Liebe Bohuslav Martinůs. In seinen 14 vollendeten Opern – von seinem Erstling Voják a tanečnice (Der Soldat und die Tänzerin, 1926 – 1927) bis zu Řecké pašije (Griechische Passion, 1954 – 1959) – hat er die verschiedensten Stillrichtungen und Quellen verwendet, vom italienischen und englischen Madrigal der Renaissance über die italienische Oper des Barock bis zum französischen Impressionismus und dem Jazz der 20er Jahre und das alles mit den Elementen der mährischen Volkslieder kunstvoll verbinden verstanden. Er hat auch verschiedene Genres des (Musik)-theaters verwendet, schrieb opere buffe, surrealistische Spielereien, ein surrealistisches Drama, auch einen Opern-Film, ein mittelalterliches Mirakel, Rundfunk- und Fernsehopern, ein Opern-Ballett,  ein lyrisches Drama. In seiner 1935 – 1936 in Frankreich komponierten Oper Divadlo za bránou (Theater hinter dem Tor) ist Martinů zu den Anfängen des neuzeitlichen Theaters zurückgekehrt, zur commedia dell’arte, wie er das Werk auch in der handschriftlichen Partitur bezeichnet hat. Der 1. Akt ist eine Ballettpantomime mit den aus den Pantomimen des „größten aller Pierrots“, Jean-Gaspard Debureau (1796 – 1846), bekannten Figuren und Verwicklungen. Der 2. und der 3. Akt sind eine opera buffa nach dem Libretto des Komponisten. Als Vorlage dienten Elemente der Volkspoesie und Molières Komödie Le Médecin volant, die Handlung wurde ins tschechische Milieu verlegt: „... Es ist nichts anderes als ein Theater, eine Jahrmarktszene, hinter der Stadt, wo abends alle Bewohner sich unterhalten. Also etwas wie eine Wanderbühne... Es ist lustig, entfesselt, problemlos, es will nur unterhalten. Es soll als eine Improvisation wirken,  von den Schauspielern wie von allen anderen Beteiligten, wie es eben in der italienischen Komödie gewesen war“, schrieb Martinů im Theaterblatt (16. 9. 1935) anlässlich der Brünner Uraufführung am 20. 9. 1936. Die Orchestersuite hat der Dirigent Miloš Říha (1906 – 1973), ein Schüler von Václav Talich, zusammengestellt.

An die Ära des Smetana-Theaters (1949 – 1992) wird mit dem Saltarello aus der Oper Mirandolina erinnert. Ihre Uraufführung fand an dieser Bühne gerade vor 50 Jahren, am 17. 5. 1959, statt, unter dem Dirigenten Václav Kašlík und mit der großartigen Maria Tauberová in der Titelrolle. Martinů hatte im Jahre 1953 von der New Yorker Guggenheim Stiftung ein Stipendium erhalten, das seine Rückkehr nach Europa ermöglichte. Ab Herbst 1953 lebte er mit seiner Frau Charlotte in Nizza in der Familie seines Freundes, des Mahlers Josef Šíma. Zu Ende des Jahres fand er endlich ein Sujet für eine neue Oper, die er der Guggenheim Stiftung zum Dank für ihre Förderung widmen wollte. Den italienischen Text hat der Komponist selbst nach dem Lustspiel Carlo Goldonis La Locandiera (Die Frau Wirtin) aus dem Jahre 1773 librettistisch bearbeitet. Die nach der Hauptheldin, der temperamentvollen Wirtin Mirandolina, benannte witzige opera buffa wurde am 1. 7. 1954 in Nizza vollendet.  Martinů hat vor dem 3. Akt einen beliebten italienischen Tanz im Sechstachteltakt in stilisierter Form plaziert (den selben Tanz hat Mendelssohn für das Finale seiner Italienischen Symphonie verwendet). Dieser Saltarello aus Mirandolina ist auch als Konzertnummer populär geworden. Er drückt einen zentralen, Mirandolina charakterisierenden musikalischen Gedanken aus. Das schnelle Tempo des Tanzes korrespondiert mit der ganzen Atmosphäre der Oper, mit dem sonnigen, von Martinů so geliebten Italien.

Das französische Libretto zum Einakter Ariane hat der Komponist nach dem Schauspiel Le Voyage de Thésée seines Inspirators und Freundes, des französischen Dramatikers Georges Neveux aus dem Jahre 1943 geschrieben. Die Oper wurde gleichzeitig mit der Arbeit an seinem chef d’oeuvre, Griechische Passion, während eines einzigen Monats (13. 5. – 15. 6. 1958) im schweizerischen Schönenberg komponiert, wo das Ehepaar Martinů bei Paul und Maja  Sacher wohnte. Der antike Mythos von Ariadne gehört zu den ältesten und beliebtesten Stoffen der Opernliteratur – von Claudio Monteverdi (L’Arianna, 1608) über Georg Friedrich Händel (Arianna in Creta, 1734) bis zu Jules Massenet (Ariane, 1906), Richard Strauss (Ariadne auf Naxos, 1912), Darius Milhaud (L’Abandon d’Ariane, 1927) oder Alexander Goehr (Arianna, 1995). In Ariane von Martinů stellt der Kampf des Theseus mit dem Minotaurus einen Kampf mit sich selbst dar; Minotaurus ist das zweite Ich des Theseus, das dieser töten muss; das heißt, er muss jenen Theseus töten, der eine Frau liebt. Theseus wird sich selbst besiegen, den Minotaurus in sich töten und die Stadt Knossos verlassen. Martinů hat die Oper als eine barocke Monodie mit geschlossenen Szenen (drei Bilder und die Schlussarie der Ariadne) und drei instrumentalen Sinfonien konzipiert. Einen Bestandteil der Sinfonie Nr. 1 bildet der Prolog vor dem Vorhang, in dem ein Wächter auf Knossos meldet, von einer Möwe die Nachricht über das Nahern des Schiffs mit schwarzem Segel und den sieben Jünglingen an Bord aus Athen erhalten zu haben. „Theseus, ich werde zum letzten Mal Atem schöpfen, um die Kraft zu haben, Dir Lebewohl zu sagen,“ verabschiedet sich Ariadne von Theseus in ihrem grandiosem, fast ein Fünftel der Oper einnehmenden Lamento. Martinů hat den Erinnerungen seiner Frau zufolge beim Komponieren dieser virtuosen Partie an Maria Callas, an ihre Gesangskunst und hervorragenden darstellerischen  Fähigkeiten gedacht. Die Uraufführung der Oper in Gelsenkirchen am 2. 3. 1961 (tschechische Erstaufführung in Brünn 23. 10. 1962) hat er nicht mehr erlebt.

Auch in der ostböhmischen Kleinstadt Polička war es klar, dass mit dem Ende des Ersten Weltkrieges und Österreich-Ungarns die Zeit für die staatliche Souveränität der Tschechen gekommen war. So hat Martinů am Beginn des Jahres 1918 seinen Freund Stanislav Novák, den Konzertmeister der Tschechischen Philharmonie, gebeten, ihm die Partitur des Zyklus Mein Vaterland von Bedřich Smetana und die Schrift Die Geschichte des hussitischen Gesangs von Zdeněk Nejedlý nach Polička zu schicken. „Ich muss jetzt ein tschechisches Werk schreiben, ein klares, nichts kompliziertes,“ schrieb er an Novák, „eine Tschechische Rhapsodie, für großes Orchester mit einem Baritonsolo und Chor... und zum Schluss den wunderschönen St. Wenzel-Choral...“  Ähnlich wie später im Zweiten Weltkrieg, haben sich die tschechischen Komponisten auch damals auf das von Smetana geschaffene Symbol der tschechischen nationalen Musik, den Zyklus Mein Vaterland, berufen. Auch die Česká rapsodie Martinůs ist in diesem Geist geschrieben. Eine Manifestation des Patriotismus stellt hier vor allem die Melodie des St. Wenzel-Chorals dar, sie ist auch in der Widmung an den damals anerkannten Sprecher der Nation, den Schriftsteller Alois Jirásek, zu spüren, in den Vertonungen des 23. Psalmes  („Der Herr ist mein Hirte“) und des Gedichtes  von Jaroslav Vrchlický B öhmen. Die Kantate wird von einem Vorspiel eingeleitet, in dem das Hauptthema des genannten Chorals verwendet wird („das Leiden, der Kampf“, schreibt Martinů in seiner Auslegung).  Es folgt ein Chor mit dem 23. Psalm  („das Gebet der ganzen Nation“), zuerst a capella, dann von der Orgel und schließlich vom ganzen Orchester begleitet („das Motiv der Freiheit, des Sieges, die Hörner mit voller Kraft“). Ein umfangreiches Baritonsolo nach dem Text von Vrchlický („ein Hymnus an die Schönheit des Vaterlandes und an den Glauben in den Sieg“) führt mit dem Chor und Orgel zum Höhepunkt, in dem die „Rückkehr des tschechischen Fürsten Wenceslaus und die neue Zukunft, die ersehnte Freiheit“ verkündet wird. Mit den gewaltigen Tönen des St. Wenzel-Chorals endet die Kantate. Die Komposition wurde im Mai und Juni 1918 in Polička geschrieben, die Uraufführung fand durch die Tschechische Philharmonie unter Ludvík Vítězslav Čelanský am 12. 1. 1919 statt;  der Reprise am 24. 1. 1919 hat der Staatspräsident T. G. Masaryk beigewohnt.

Eine Besonderheit im heutigen Programm stellt die Uraufführung des im Jahre 1915 in Polička komponierten Nokturnos Nr. 1 fis-Moll für großes Orchester dar. Martinů hat bereits mit dreizehn Jahren komponieren begonnen, es gab jedoch niemanden, der seine Versuche beurteilen, geschweige denn aufführen oder herausgeben konnte. Die Handschriften einiger seiner Jugendwerke sind zum Glück erhalten geblieben; sie befinden sich im „Zentrum Bohuslav Martinů“ in Polička. Zu diesen gehört auch die 16seitige Partitur des Nokturnos Nr. 1 fis-Moll, das in der Redaktion von Sandra Srnková Bergmannová im September 2009 im Verlag  Editio Bärenreiter Praha erschienen ist. Ein der interessantesten unter den Jugendwerken Martinůs, wird es von einem melancholischen Gesang der Solobratsche dominiert, der zum Schluss von der Violine übernommen wird. Der Charakter des Nokturnos  verleugnet nicht die große musikalische Liebe des jungen Komponisten – Claude Debussy.

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Die Staatsoper Prag - die Theatergeschichte in Bildern und Daten - Deckblatt
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Tomáš Vrbka
Die Staatsoper Prag gibt in der Mitarbeit mit dem Verlag Slovart eine repräsentative Publikation heraus, die sich mit der Geschichte dieser bedeutenden Kulturinstitution seit ihrer Öffnung im Jahre 1888 bis Ende der Saison 2002/2003 beschäftigt. Das Buch mit dem Titel Státní opera Praha – Historie divadla v obrazech a datechDie Staatsoper Prag – die Theatergeschichte in Bildern und Daten konzentriert sich ausschließlich auf das Opergeschehen auf dieser Bühne, obwohl dieses Theater in der Vergangenheit unter verschiedenen Namen auch dem Schauspiel, der Operette und dem Ballett diente. Die Teile, die sich diesen Genres widmen, plant die Staatsoper Prag in den nachfolgenden Jahren herauszugeben.

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